Colonel Olena – MEIN tierischer Mentaltrainer

Wie man dem Leben trotz Hindernissen stets eine heitere Seite abgewinnt

Offen sein für Neues

Als ich vor einigen Jahren auf der Suche nach einer Reitbeteiligung war, machte mich eine Freundin auf einen Facebook-Post aufmerksam. Zu einem Treffen mit der Besitzerin verabredet, wusste ich lediglich, dass der heute 28-jährige Appaloosa-Wallach Colonel Olena genannt „Curnel“, vor einigen Jahren erblindet war jedoch problemlos damit zurechtkäme. Etwas skeptisch aber trotzdem sehr neugierig, machte ich mich damals auf den Weg ins Stubaital.

Was mich bei der ersten Begegnung mit Colonel erwartete, verblüffte mich sehr. Ich lernte ein völlig lebensfrohes und gehfreudiges Pferd kennen, das sich scheinbar bestens auf dem Areal des Reitstalls zu orientieren weiß. Seine Vorbesitzerin erzählte mir, dass er sich auch alleine in der Halle bewege, oftmals freudig buckle. Zudem erfuhr ich von seinen einstigen Turniererfolgen in jüngeren Jahren. Colonels „Umfeld“ erklärte mir, dass man selbstverständlich immer für ihn mitschauen müsse. Er sei jedoch im Training noch immer ein zuverlässiger Partner. So z. B. auch in der Westerndisziplin „Trail.“ Unterstützt von Stimm-Hilfen des Reiters, schreite der Appaloosa-Wallach über Stangen und Brücken. Dies funktioniere auch beim Ausreiten. Das könnte ich mir zunächst kaum vorstellen.

Davon, wie Colonel das Niveau und die Vertrauenswürdigkeit seiner Reiter überprüft, konnte ich mich sofort im Sattel überzeugen. Bereits im Schritt deckte Colonel meine reiterlichen Schwächen auf. Schließlich ließ ich mich darauf ein den Wallach näher kennenzulernen.

Vertrauen in sich und in den Anderen

„Gut ausgebildete Pferde wollen gut geritten werden“ – Das hört man oft. In Colonels Fall trifft dies im doppelten Sinne zu. Colonel ist stets ein geduldiger Begleiter, der präzise reiterliche Hilfen einfordert. Doch benötigt es hier eine hohe Vertrauensbasis.

Als ich ihn das erste Mal unter seiner Besitzerin im Trail-Kurs über Stangen galoppieren sah, war ich begeistert. Ein Jahr später, nahm ich selbst mit ihm am Kurs teil und war überwältigt. Seine Aufmerksamkeit und die Erfahrung ihn durch meine Stimmhilfe so unterstützen zu können, damit er keine Stange berührt war für mich ein unglaubliches Erlebnis.

Einige Zeit später, wurde mir vorgeführt, wie Colonel alleine den Weg durch die leere Stallgasse in seine Box findet. Jedes Mal, wenn ich ihn von der Koppel hole und ihn durch die Stallgasse gehen lasse um eine Hand für ein zweites Pferd frei zu haben, bin ich erstaunt, wie zielsicher er seine Box ansteuert.

Wie wichtig das Vertrauen in uns selbst und in den Anderen ist; wie notwendig es ist in schwierigen Situationen in sich zu ruhen und dem Anderen liebevolle Zuwendung und sichere Führung zu geben, hat mir Colonel einmal mehr bei einem Spaziergang an der Hand gezeigt.

Im Rahmen der jahrelangen Ausritte kennt Colonel die Umgebung des Ortes sehr gut und geht bei schüchternen Artgenossen sogar als „Führpferd“ voran.

An einem Samstag jedoch wurde auf einer seiner bekannten Strecke Äste von Bäumen geschnitten. Das Geräusch der Baum-Schere war für ihn völlig neu und so begann er sich ziemlich aufzuregen. Wir traten förmlich auf der Stelle. Hinzu kam, dass es dort sehr eng und unübersichtlich ist. Einige Autos fuhren vorbei, sodass wir oft in eine Hofeinfahrt ausweichen mussten.

Im ersten Moment dachte ich umkehren zu müssen um so der Gefahr auszuweichen. Kurz spürte ich meine Nervosität ganz im Bewusstsein, dass Colonel sich nicht losreißen dürfe. Doch dann holte ich tief Luft und redete ruhig auf ihn ein. Jeden noch so kleinen Impuls von ihm sich nach vorne zu bewegen würde von mir belohnt. Ich wollte ihn auf gar keinen Fall mit einer negativen Erfahrung aus der Situation gehen lassen. Egal wie lange wir dort stehen würden.

Nach ca. zehn Minuten hatten wir es dann geschafft an dem vermeidlichen Beutetier „Baum-Schere“ vorbeizugehen. Ich war stolz auf uns beide. Wieder hatten wir ein Stück mehr zueinander gefunden.

Sich Verbündete und Helfer suchen – auch tierischer Support ist möglich

Wenn man ein Handicap hat braucht man manchmal liebevolle Helfer und Unterstützer. Als Mensch ist das relativ einfach. In meinem Fall hat mich meine Familie wesentlich bei meiner körperlichen Entwicklung unterstützt, daneben gibt es gute Freunde, motivierende Lehrer, geduldige Trainer, einen guten Physiotherapeuten und viele hilfreiche Begegnungen.

Colonel hat ebenso liebevolle, kompetente Menschen wie z. B. seine Besitzer und die Stallbesitzerin um sich. Tiere können sich jedoch auch gegenseitig unterstützen. Als Colonel noch sehen konnte, fuhr er gemeinsam mit seinem Boxen-Nachbar Tivio zu vielen Turnieren. Offenbar bemerkte Tivio sehr früh, dass Colonel blind wurde. So drängte er Colonel auf der Koppel ab, wenn er dem Weidezaun zu nahekam. Zu Beginn der Erkrankung wurde TIvio immer ganz unruhig, wenn man Colonel ohne ihn aus der Box führte. Diese besondere „Männerfreundschaft“, die bereits seit 26 Jahren anhält kann man auch heute noch spüren. Colonel geht selbstbewusst durch die Welt, nimmt jedoch auch gerne Unterstützung an.

Was ich von meinem persönlichen (tierischen) Colonel gelernt habe

Von Pferden kann man viel lernen. Das wissen wohl alle Reiterinnen und Reiter. Von Colonel habe ich nicht nur gelernt, wie wichtig es ist, an einem guten Sitz zu arbeiten. Ich habe auch gelernt, den Anderen noch genauer wahrzunehmen und auf dessen Bedürfnisse einzugehen.

In Colonels Geschichte sehe ich Aspekte, die auch für uns Menschen in schwierigen Phasen des Lebens von enormer Wichtigkeit sind. Eine schier unbändige Willenskraft und Freude am Leben – diese Eigenschaften besitzt dieses Pferd wie wahrscheinlich wenige andere seiner Artgenossen. Colonel führt mir immer wieder vor Augen, dass wir mit Mut und Willen große Herausforderungen meistern können. Ich hoffe, dass ich ihn trotz seines hohen Alters noch lange begleiten darf.

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