Präsent im Hier und Jetzt sein

Ein paar Gedanken zu den Gedanken

Haben Sie schon einmal beobachtet wie oft Sie am Tag gedanklich abschweifen? Wie oft gelingt es Ihnen wirklich bei der Sache zu bleiben? So schön es auch sein mag, sich beispielsweise kurz in den nächsten Urlaub zu träumen. Das scheinbar alltägliche Phänomen kann uns so manches Mal in unserer eigenen Wirkungskraft hindern. In einer Studie der Universität Harvard konnte sogar herausgefunden werden, dass ein „wandernder Geist ein unglücklicher Geist ist.“ Das heißt wir sind unglücklicher, wenn unsere Gedanken abschweifen und nicht im Einklang mit unserer aktuellen Aktivität sind.[1]

In einem Moment wirklich präsent zu sein ist eine wichtige Voraussetzung um in den sog. Flow-Zustand zu kommen, der sich über absolute Konzentration und dem Versunkensein in ein Tun definiert. Ich würde sogar noch weitergehen. Das Versunkensein bedeutet auch mit allen Sinnen und mit unserem ganzen Erleben in unserem eigenen Handeln zu sein. Im Flow können wir Ziele erreichen, wir sind konzentriert und unser Tun geht wie von selbst von der Hand.

An jenem Turnier, an dem ich die mentalen Tools das erste Mal ausprobierte, stand ich kurz vor einer kompletten persönlichen und beruflichen Veränderung. Wenige Minuten vor meinem Start erreichte mich noch ein wichtiges Telefonat.

Früher hätte ich mich wahrscheinlich ablenken lassen und mir gleichzeitig selbst Druck gesetzt, weil ich mich konzentrieren muss. Die erlernten Tools hatte ich bereits vor dem Turnier eingesetzt und auch jetzt griff ich wieder darauf zurück. Ich ordnete mich, ritt in die Prüfung und freute mich meinen treuen Freund vorzustellen. An diesem Tag hatte ich zum ersten Mal richtig Freude an einer Prüfungssituation.

Das Ergebnis an diesem Tag waren in drei Prüfungen die Plätze 1-3. Das hatte ich nicht erwartet.

Auch bei meinen Klienten erlebe ich, wie ihnen das bewusste Erleben im Hier und Jetzt hilft den Flow-Zustand zu erreichen und ihre Leistung abzurufen. Denn nur wer im Augenblick wirklich präsent ist, hat genug Energie sein Handeln gezielt umzusetzen.

Doch allzu oft, sind wir mit anderen Dingen im Leben beschäftigt und befinden uns mit unserer Aufmerksamkeit in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Wir schauen auf unser Handy, ärgern uns über den letzten Konflikt auf der Arbeit oder im Privatleben, sorgen uns um ein Ereignis, das noch in der Zukunft liegt.

Präsenz hilft uns nicht nur unser gesamtes sportliches oder berufliches Potential abzurufen, es hält auch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen lebendig.

Wann sind wir wirklich präsent? Hören wir unserem Gesprächspartner wirklich immer genau zu und nehmen wir ihn mit seinen persönlichen Anliegen und Bedürfnissen wahr? Wann können wir den Augenblick im Hier und Jetzt mit unseren Liebsten oder unseren Tieren wirklich genießen? Abschweifen ist menschlich. Doch es lohnt sich, in diesem Moment vollkommen „da“ zu sein.

Präsent sein üben

Es gibt viele Möglichkeiten präsent sein zu üben.

Mittels Autogenem Training oder Feldenkrais z. B. können wir lernen nur das wahrzunehmen, was jetzt passiert.

Nutzen Sie auch Gelegenheit im Stall. Hören Sie nach der Fütterung ganz bewusst den Kaugeräuschen der Pferde zu und beobachten Sie dabei die Bewegungen des Unterkiefers.

Nehmen Sie im Training während einer Schritt-Phase noch intensiver die Bewegungen Ihres Pferdes wahr.

Oder versuchen Sie sich mal an einem Experiment. Stellen Sie sich den Wecker ein- bis zweimal am Tag zu einer beliebigen Uhrzeit. Überlegen Sie dann, wo Sie zuletzt mit Ihren Gedanken waren. Konnten Sie sich wirklich voll auf Ihr aktuelles Tun konzentrieren? Überlegen Sie, wie oft Sie heute schon mit den Gedanken wo anders waren.

Kinder als Vorbilder

Nicht nur von unseren Tieren sondern auch von Kindern können wir besonders gut lernen im Hier und Jetzt präsent sein. Sie können sich stundenlang in ihrem Spiel verlieren. Wenn ich mit einem quirligen zweijährigen Nachbarsjungen, gemeinsam spiele, bin ich anschließend immer wieder erstaunt, wie leicht man sich in etwas vertiefen kann und wie schnell die Zeit dabei vergeht. Auch das intensive Freuen meines Spielkameraden über eine Kleinigkeit, bereitet mir selbst große Freude und macht mir bewusst, wie sehr es sich lohnt einen Augenblick zu genießen und ihn mit allem was gerade passiert wahrzunehmen.


[1] Killingsworth, M. A., and D. T. Gilbert. 2010. “A Wandering Mind Is an Unhappy Mind.” Science 330 (6006) (November 11): 932–932. doi:10.1126/science.1192439.

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